Phil Bosmans fragt: „Sag: Wo sind die Blumen geblieben? Die Blumen der kleinen Aufmerksamkeiten, dass man aneinander denkt? Die Blumen der Freundlichkeit, die uns fröhlich machen, die Blumen der Geborgenheit, die wir einander schenken? Warum haben so viele Menschen nichts vom Leben? Weil keiner da ist, der ihnen beisteht. Weil sie kein Zeichen sehen, dass sie einer mag. Weil keine Blumen da sind, die für sie blühen: ein Lächeln, ein freundliches Wort, eine kleine Geste. Diese Blumen, die vom Herzen kommen, erzählen die wunderbare Geschichte von einem Stückchen Himmel auf Erden, wo die Menschen füreinander Engel sind, die helfen und Mut machen, wo alle Ängste, Schmerzen und Tränen ihren Trost finden.“

Erste Frage: Was meint Phil Bosmans, wenn er von „Blumen“ spricht. Was bedeutet das Bildwort von den „Blumen“?
Zweite Frage: Was versteht Phil Bosmans eigentlich unter „Glück“? Wo lässt sich Glück erfahren, wo ist es zu finden, wo blüht es auf?

I. Was bedeutet das Bildwort von den „Blumen“?

Pfarrer Jef Van Kerckhoven – einige von uns haben ihn persönlich kennengelernt – lebte über vier Jahrzehnte mit Phil Bosmans in dem kleinen Kloster in Belgien. In einem Interview erzählt er: „Je älter Phil Bosmans wurde, umso größer wurde seine Liebe zur Natur.“ In seinen Schriften spürt man diese Liebe schon von Anfang an. Am Himmel sind es „Sonne“ und „Sterne“, auf der Erde die „Blumen“, die Phil Bosmans faszinieren und für ihn zu Bildworten für das Licht des Guten und die Freude am Leben werden. Unter der Überschrift „Jeden Tag neu“ lesen wir bei Phils Bosmans:
„Neu bist du, wenn du mit reinem Blick auf Menschen und Dinge schaust, wenn du dich freuen kannst über die einfachen, kleinen Blumen am Weg deines Lebens.“ Sich an Blumen zu freuen hat etwas zu tun mit dem „reinen Blick auf Menschen und Dinge“. Was meint Phil Bosmans mit „reinem Blick“? Ein reiner Blick ist ein Blick ohne Gier. Ein Blick, der Menschen und Dinge nicht reduziert darauf, welchen Nutzen sie für mich haben können. Wir Menschen sind Bedürfniswesen: Wir müssen essen und trinken, um zu überleben. Wir müssen uns fortpflanzen, um unsere Art zu erhalten. Wir müssen Grenzen ziehen und im Notfall verteidigen, um unseren Lebensraum zu erhalten. Und: Wir sind angewiesen auf soziale Anerkennung, denn wir leben, auch als biologische Wesen, nur in Gemeinschaft. Wir sind also Bedürfniswesen, aber wir sind mehr als das. Phil Bosmans formuliert: „Wir Menschen sind mehr als Materie.“ Was Phil Bosmans den „reinen Blick“ nennt, das bedeutet: die Welt und die anderen Menschen nicht nur aus den Augen unserer Bedürfnisse anzuschauen, mit dem wägenden Blick, was sie uns nützen könnten. Sondern: Sie in sich selbst wahrnehmen zu können. Als etwas, das da ist und lebt und sein Lebensrecht hat, ganz unabhängig von meinen Bedürfnissen, ganz unabhängig davon, was ein Mitmensch oder ein Mitgeschöpf mir nützt. Erst in diesem „reinen Blick“, dem Blick ohne Gier, zeigt sich uns die Welt, wie sie ist. Für diesen „reinen Blick“ auf die Welt und die Menschen sind für Phil Bosmans immer wieder Blumen das beste Beispiel. Das ist eine uralte Weisheit. Wir lesen sie schon über dreihundertfünfzig Jahre früher bei dem evangelischen Pastor und Mystiker Johannes Scheffler, bekannt als „Schlesischer Engel“, Angelus Silesius: „Die Ros ist ohn Warum, sie blühet, weil sie blühet, Sie acht‘t nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“

Dasselbe sagt Phil Bosmans mit etwas anderen Worten: „Blumen haben keine Hände. Sie wachsen und blühen. Sie geben, was sie sind: Schönheit und Freude. Sie greifen nach nichts. Sie nehmen sich nichts, ausgenommen die Sonne, und die scheint für alle.“
Es ist typisch für Phil Bosmans, dass er nicht von der Rose, der edlen Königin, spricht, sondern von allen Blumen, gerade den kleinen, unscheinbaren am Wegrand. Alle Blumen führen ihn zum Staunen. Der „reine Blick“, der Blick ohne Gier, ist der Blick des Staunens. Diesen Blick des Staunens hat Phil Bosmans von dem großen Menschenfreund Jesus gelernt: „Seht die Blumen auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch machen sie sich keine Gewänder. Und doch: Selbst der große König Salomo in all seiner Herrlichkeit war nicht gekleidet wie eine von ihnen“ (Matthäus 6,28).

II. Was versteht Phil Bosmans unter „Glück“

Es gibt ein wunderbares Buch von Phil Bosmans, von Ulrich Schütz zusammengestellt, das heißt: „Das Glück liegt in dir“. Leider gibt es im Moment keine aktuelle Ausgabe davon zu kaufen. Zur Vorbereitung unseres Begegnungstreffens bin ich dieses Buch einmal durchgegangen mit der Frage: Was ist denn die Phil-BosmansPhilosophie des Glücks? Was ist die Glücksweisheit von Phil Bosmans? Die Antwort, die ich gefunden habe, möchte ich gern an Euch weitergeben. Ich habe sie in neun Sätzen oder neun Lebensweisheiten zusammengefasst. Wer wie Ihr schon so lange mit Phil Bosmans unterwegs ist, viel länger als ich, wird sie alle kennen. Sie sind natürlich nicht vollständig.
1. Glücklich ist, wer viel entbehren kann
2. Glücklich ist, wer einfache Dinge liebt
3. Glücklich ist, wer nicht nach Glück sucht
4. Glücklich ist, wer den Tag glücklich beginnt
5. Glücklich ist, wer den Tag glücklich beschließt
6. Glücklich ist, wer heute glücklich ist
7. Glücklich ist, wer dankbar ist
8. Das Glück liegt in dir selbst
9. Das Glück, das dir fehlt, ist das Glück der anderen

1. Glücklich ist , wer viel entbehren kann
„Es blühen keine Blumen mehr für dich. Es spielen keine Kinder mehr für dich. Es lachen keine Menschen mehr. Du bist tot, weil in deinem Herzen die Liebe gestorben ist. Du suchst das Glück, wo es nicht zu finden ist: in toten Dingen, die ein wunderschönes Leben versprechen. Lauter leere Versprechungen.“ Auch hier geht es um den rechten Blick: Natürlich blühen die Blumen, die Kinder spielen, und Menschen lachen, aber ein unglücklicher Mensch sieht das nicht, er oder sie hat keinen Blick dafür. Warum? Die Antwort von Phil Bosmans ist einfach und einleuchtend: Weil ihr Blick sich auf anderes richtet, nicht auf die Blumen, die Kinder, das Lachen, sondern auf etwas, wovon Menschen sich, fälschlicherweise, Glück erwarten.
„Man verkauft uns tausend Träume in einer Welt, die tausendfach vom Glück des Geldes redet und die uns tausendfach betrügt.“ Phil Bosmans wird nicht müde, davor zu warnen, sich vom Besitz, vom „Zugriff“ auf die Dinge das große Glück zu versprechen. Er zeigt uns auf, wie der Kapitalismus, in dem wir leben, die Züge einer Religion angenommen hat. Ihr „großes Dogma lautet: Mit Geld kannst du alles kaufen. Aber“, so Phil Bosmans, „dieses Dogma ist eine große Lüge. Glück kannst du dir nicht kaufen – zum Glück. Das Wichtigste ist niemals mit Geld zu bezahlen: Sympathie, Herzlichkeit, Zuwendung, Freundschaft“. Das ist einfach zu verstehen, aber schwer zu leben. Phil Bosmans sagt nämlich: Solange du einen Blick der Gier hast, kannst du nicht glücklich werden. Nach jeder Wunscherfüllung, nach jedem „Zugriff“ auf etwas, das du dir gewünscht hast, wird sich dein Blick auf ein neues Objekt deiner Gier richten. Und so hetzt du dein ganzes Leben dem Glück hinterher – wie einem Schmetterling, den du niemals einfangen wirst. Der Anfang des Glücks liegt also in dem „reinen Blick“, den uns die Blumen lehren, in dem Blick ohne Gier. Phil Bosmans: „Um glücklich zu sein, ist es nicht wichtig, mehr zu haben, sondern weniger zu begehren. Viele machen es gerade umgekehrt. Glücklich ist, wer viel entbehren kann.“ Das ist er erste, provozierende Satz der Glücksweisheit von Phil Bosmans: Glücklich ist, wer viel entbehren kann.
2. Glücklich ist, wer einfache Dinge liebt
„Bei glücklichen Menschen“, schreibt Phil Bosmans, „fand ich immer als Grund eine tiefe Geborgenheit, spontane Freude an kleinen Dingen und eine große Einfachheit.“ Man spürt, dass die Glücksweisheit von Phil Bosmans keine angelesene ist, keine Lehre, die er in Büchern studiert und dann als Bücherwissen weitergegeben hat. Seine Glücksweisheit stammt vielmehr aus Begegnungen. Aus Begegnungen mit den einfachen Menschen, die er geliebt hat: die Bauern seiner Herkunft, die Arbeiter, die Obdachlosen, das fahrende Volk, für das er sich eingesetzt hat. „Einfache Menschen sind glückliche Menschen“, kann er sagen. Von ihnen hat er gelernt, mit einfachen Dingen glücklich zu sein, die kleinen Freuden zu genießen, die uns jeden Tag begegnen können. Die einfachen Dinge sind die ganz kleinen und die ganz großen, wesentlichen Dinge, und wir empfangen beide umsonst: die Sonne, das Licht, den Frühling, das Lachen eines Kindes, die Freundschaft, das Menschsein auf Erden. Das ist das Geheimnis der kleinen, einfachen Dinge: Wer sich mit ihnen verbindet, wer in ihnen Freude und Sinn erkennt, der verbindet sich mit dem großen Ganzen, mit der Schöpfung, mit dem verborgenen Sinn unseres Menschseins auf Erden. Das ganz Kleine und das ganz Große, das Einfache und das Wesentliche gehören zusammen. Wer dieser Weisheit von Phil Bosmans folgt, erkennt auch im Blick auf das eigene Leben: Am Ende schenkt nicht das, was wir tun, sondern wie wir es tun, unserem Leben Bedeutung. Wer einfache Dinge mit einem dankbaren Herzen tut, der stiftet Wesentliches, das bleibt.
3. Glücklich ist, wer nicht nach Glück sucht
Der „reine Blick“, den wir von den Blumen lernen können, der Blick ohne Gier, führt zu dem scheinbaren Widerspruch, dass wir das Glück finden, wenn wir es nicht suchen. Phil Bosmans schreibt: „Das Glück ist wie ein Schatten. Es folgt dir, wenn du nicht daran denkst. Das Glück ist wie ein Echo im tiefsten Grunde deines Herzens. Es antwortet dir, wenn du dich selbst gibst.“ Das erinnert mich an eine berühmte Geschichte aus der antiken Sagenwelt. Sie erzählt von dem Sänger Orpheus, dessen Gesang so betörend schön war, dass er nicht nur Menschen und Götter bezauberte, sondern dass dort, wo er sang, das Paradies wiederkehrte: die wilden Tiere lagerten sich friedlich, die Bäume neigten sich vor seinem Gesang, selbst die Felsen weinten vor Rührung. Orpheus geliebte Frau Eurydike starb, und damit das Glück seines Lebens. Da fasste sich der Sänger ein Herz und stieg in die Unterwelt hinab, um seine Frau ins Leben zurückzuholen. An der Pforte der Unterwelt sang er – so schön, dass Kerberos, der Höllenhund, der die Toten bewachte, ihn friedlich eintreten ließ. Er sang so schön, dass der Gott der Unterwelt ihm seine Frau zurückgab – unter einer Bedingung: Er durfte sich nach ihr nicht umsehen, während sie von der Unterwelt wieder ans Tageslicht stiegen. Aber während sie aufstiegen, hörte Orpheus die Schritte seiner Frau nicht und bekam Angst und verlor das Vertrauen. Er blickte sich um: Und in diesem Moment musste seine Frau zurückkehren in die Unterwelt. „Das Glück ist wie ein Schatten. Es folgt dir, wenn du nicht daran denkst“, sagt Phil Bosmans, und die Geschichte von Orpheus und Eurydike drückt eine uralte Erfahrungsweisheit aus: In dem Moment, wo wir der Angst unterliegen, ob es das Leben gut mit uns meint, in dem Moment, wo wir das Vertrauen verlieren, dass es gut werden wird mit unserem Leben, in dem Moment, wo wir uns umdrehen und das Lebensglück sehen und festhalten wollen – in dem Moment verlieren wir es oft. Und ebenso das Gegenteil: „Das Glück ist wie ein Echo im tiefsten Grunde deines Herzens. Es antwortet dir, wenn du dich selbst gibst.“ Manchmal wissen wir nicht, wo uns der Kopf steht, so viel ist zu tun, weil ein anderer Mensch uns braucht. Und wir knien uns in diese Aufgabe und geben uns selbst. Und wenn wir dann innehalten und zur Ruhe kommen, fühlen wir in unserem Herzen das Echo des Glücks. Wir wollten gar nicht glücklich werden, wir wollten einfach nur das Notwendige tun. Und wir spüren im Nachhinein: Das hat uns glücklich gemacht.
4. Glücklich ist, wer den Tag glücklich beginnt
„Nimm jeden Tag als eine Gabe an. Jeder Tag wird dir gereicht wie eine Ewigkeit, um glücklich zu sein.“ Phil Bosmans, das spürt man hier und da aus seinen Texten, war ein Frühaufsteher. Vielleicht hat das was mit seiner bäuerlichen Herkunft zu tun. Ich bin selbst „vom Dorf“, aus einem kleinen Dorf bei Fulda, und kenne das auch von meiner Mutter. Als Jugendlicher bis in den Mittag ausschlafen – wie ich das heute von meinen Neffen und Nichten kenne –, das war bei unserer Mutter nicht drin. Wer an freien Tagen nach acht noch in den Federn lag, der wurde von ihrem Besenstil geweckt, mit dem sie von der Küche aus gegen die Schlafzimmerdecke klopfte. Da wurde man wach. Ihr Motto war: Es ist nicht recht, dem lieben Gott den Tag zu stehlen. Phil Bosmans hätte wohl gesagt: Du stiehlst dir selbst etwas, wenn du nicht früh aufstehst. Wenn du den frühen Gesang der Vögel niemals hörst, niemals den Übergang der Nacht in den Morgen siehst, wenn die Sonne ihre Farben über den Himmel streut. Aber ganz unabhängig davon, um welche Uhrzeit wir persönlich den Tag beginnen: Wie wir den Tag beginnen, das ist in der Glücksweisheit von Phil Bosmans entscheidend, ob wir an diesem Tag ein glücklicher Mensch werden: „Beginne jeden Morgen mit einem freundlichen Gesicht. Die Arbeit wird dich nicht so müde machen, die schönen Seiten des Lebens kannst du mehr genießen. Für die Mitmenschen ist ein fröhliches Gesicht jeden Tag ein neuer Sonnenstrahl. Alle Gesichter sind schön, wenn ein gutes Herz dahintersteckt. Und dein schönstes Gesicht ist ein freundliches Gesicht. Darum stell dich jeden Morgen vor den Spiegel mit diesem kleinen Training des Herzens: Menschenskind, sei zufrieden, dass du lebst. Heute wird ein guter Tag. Mein Herz sei frei von Gier. Ich kann glücklich sein.“ Das ist eine einfache Übung zum Glücklichsein. Jede, jeder von uns kann Phil Bosmans darin folgen. Jede, jeder kann morgens beim Blick in den Spiegel zu sich selbst sagen: „Menschenskind, sei zufrieden, sie dankbar, dass du lebst. Heute wird ein guter Tag. Mein Herz sei frei von Gier. Ich kann glücklich sein.“
5. Glücklich ist, wer den Tag glücklich beschließt
Ich bin noch damit großgeworden, dass zum Abendgebet die abendliche Gewissenserforschung gehört: zu überlegen, was man an diesem Tag falsch gemacht hat, und Gott um Vergebung zu bitten. Das ist gewiss eine gute Übung. Aber sie ist einseitig, wenn der Blick nicht dankbar auf die guten Erfahrungen des Tages fällt. Oft gehen uns im Bett noch der Ärger, die Konflikte, die Verbitterungen, die Sorgen eines Tages durch den Kopf, sie schlagen uns auf den Magen oder machen uns das Herz eng. Phil Bosmans sagt: „Geh nicht mit Gift im Herzen schlafen. Denk an die schönen Dinge des Tages. Warte bis morgen, um dich aufzuregen. Fülle jetzt dein Herz mit Vertrauen und Freude, mit Güte und Vergebung.“ Auch das ist eine einfache Übung zum Glücklichsein. Jede, jeder von uns kann Phil Bosmans darin folgen. Jede, jeder von uns kann am Abend mit diesen Gedanken schlafen gehen: „Ich lasse allen Ärger los. Ich lasse alle Verbitterung los. Ich lasse alle Sorgen los. Sie alle können warten bis morgen. Ich fülle mein Herz mit Vertrauen. Ich fülle mein Herz mit Freude. Ich fülle mein Herz mit Güte.“
6. Glücklich ist, wer heute glücklich ist
Kaum ein Satz von Phil Bosmans ist so bekannt und so weit verbreitet wie der Satz: „Heute musst du leben! Heute musst du glücklich sein!“ Dabei wissen viele schon gar nicht mehr, von wem diese Aufforderung stammt. Ich erinnere mich, dass ich den Satz einmal auf einem Kalender gelesen habe: „Heute musst du leben! Heute musst du glücklich sein! Gautama Buddha“. Nein, der Satz ist nicht von Buddha, der ist von unserem Pater Bosmans. Wenn wir einmal den Test machen, wie viel Zeit am Tag wir damit verbringen, gedanklich woanders zu sein, nicht in der Gegenwart, sondern entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wie oft können wir uns dabei ertappen, dass wir eine Kränkung durch einen anderen Menschen immer wieder in Gedanken durchspielen und so bei den Verletzungen der Vergangenheit bleiben. Oder wie oft können wir uns ertappen, dass wir uns Sorgen machen: die kleinen Sorgen des Alltags, wird alles so funktionieren, wie wir das geplant haben, werden wir alles schaffen, wie wir es uns vorgenommen haben usw. Oder die großen Sorgen, wenn es um eine Lebensentscheidung, eine Krankheit, eine Beziehung geht. Eins haben das Grübeln über die Vergangenheit und die Sorgen um die Zukunft gemeinsam: Sie ändern bei nichts. Wir können das, was geschehen ist, nicht ändern, und wir können mit all unsern Sorgen die Zukunft nicht bestimmen. „Die Sorgen von morgen kommen immer einen Tag zu früh“, sagt Phil Bosmans. Sein Rat: „Du musst heute leben!“ Und das verbindet Pater Bosmans tatsächlich ein bisschen mit der Lebensweisheit des Buddha: Die Einsicht, dass es unsere Gedanken sind, die unserem Glück im Weg stehen. Unsere grübelnden oder sorgenden Gedanken versperren uns den Weg ins Heute. Denn was ist Zeit? Phil Bosmans antwortet: „Was ist Zeit? Zeit ist Raum, um zu leben und zu genießen; Raum, für das Aufgehen der Sonne; für einen Vogel, der früh am Morgen singt; für eine Blume, die nur einen Tag blüht; für ein Kind, das dich anlacht; für ein gutes Wort, das jemand zu dir sagt. Was ist Zeit? Die Stille genießen, wenn Radio und Fernsehen zum Schweigen gebracht sind; die Nähe und das warme Herz Gottes spüren in der Luft, die du atmest, in deinem Herzen, das schlägt, in den tausend Dingen, die dir gratis gegeben werden, ohne dass du sie erbeten und ohne dass du sie verdient hast. Was ist Zeit? Zeit ist, den Augenblick zu leben, jenes einmalige Jetzt, und ihn in Freude und Dankbarkeit zu umarmen.“
7. Glücklich ist, wer dankbar ist
Der Benediktiner-Mönch Daniel Steindl-Rast, in Österreich geboren und heute in den Vereinigten Staaten lebend, bringt es auf den Punkt: „Viele Menschen meinen, dass glückliche Menschen dankbar sind. In Wahrheit ist es umgekehrt: Dankbare Menschen sind glückliche Menschen.“ Phil Bosmans sagt es so: „Danken heißt wahrnehmen, was dir alles Gutes getan wird. Das Gedächtnis des Herzens heißt Dankbarkeit.“ Auch dieser Satz von Phil Bosmans ist alles andere als Bücherweisheit. Mit zweiunddreißig Jahen erlitt er einen gesundheitlichen Zusammenbruch und musste drei Jahre lang schwer krank das Bett hüten. In dieser Zeit wurde er von Leontine Franck, einer Pfarrhaushälterin und Krankenschwester gepflegt – und er wurde, gegen alle ärztlichen Prognosen, wieder gesund. Als vierzig Jahre später Leontine an einem Hirntumor erkrankte, zeigt Phil Bosmans seine Dankbarkeit: Er begleitete Leontine acht Monate Tag für Tag bis zu ihrem Tod. „Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens.“ Phil Bosmans schreibt über diese Zeit: „Was wir jeden Tag durchmachten, ist eine lange Geschichte. Wie lange das dauern würde, wusste ich nicht. Ich brauchte es auch nicht zu wissen. Wir gehen alle denselben Weg, der jeden Tag kürzer wird. Gut sein, ist das Einzige, was in diesem Leben zählt. Ich hatte alles in Gottes Hände gelegt, weil ich wusste, dass in Gottes Händen nichts und niemand verloren geht.“ Hinter der Dankbarkeit von Phil Bosmans steckt also ein tiefes Vertrauen.
8. Das Glück liegt in dir selbst
Beim Glücklichsein geht es am Ende um das Vertrauen, das wir in das Leben und seine letzte Quelle haben. Mit diesem Vertrauen gibt es so etwas wie Glück auch im Unglück. Ohne dieses Vertrauen werden wir das Glück immer woanders suchen, nur nicht in unserem tatsächlichen Leben. Deshalb schreibt Phil Bosmans: „Dein Glück liegt nicht weit weg. Zum Glück braucht man keine langen Reisen. Wenn du es nicht in dir selbst findest, wirst du es nirgendwo finden.“ Ich kenne zwei Brüder. Der eine unscheinbar, der andere ein stattlicher Mann. Der unscheinbare hatte kein leichtes Leben, er musste hart arbeiten, um für das Familienhäuschen zu verdienen. Er fuhr niemals in seinem Leben in Urlaub. Seine Frau war medikamentenabhängig und erkrankte an Krebs. Er pflegte sie viele Jahre, bis sie starb. Auch die Frau seines Sohnes erkrankte an Krebs. Die Ehe seiner Enkeltochter ging in die Brüche. Der stattliche Bruder hatte eine gesunde, lebenstüchtige Frau. Sie bewohnten eine schöne Wohnung und fuhren mehrere Male im Jahr in Urlaub. Sie hatten kluge Kinder und gut geratene Enkel. Aber nichts davon schien ihn glücklich zu machen. Er lebte in großer Unzufriedenheit. Als der unscheinbare der beiden Brüder ans Sterben kam, sagte er zu seinem Bruder: Sei nicht traurig. Ich hatte ein so schönes Leben! „Wenn du das Glück nicht in dir selbst findest, wirst du es nirgendwo finden. Dein Glück liegt nicht am anderen Ufer. Es liegt in dir.“
9. Das Glück, das dir fehlt, ist das Glück der anderen
Phil Bosmans schreibt: „Ich denke an Eltern mit einem behinderten Kind, an Angehörige, die einen alten Vater, eine kranke Mutter unter großen Opfern zu Hause pflegen. Ich denke an Menschen, die nach einem Sterbefall oder nach einer Scheidung allein dastehen und nun allein für die Kinder sorgen müssen. Woher nimmt diese Frau, woher nehmen so viele andere die Kraft dazu? Warum können diese Menschen trotz allem glücklich sein? Die Liebe macht sie stark. Wenn du jemanden liebst, wachsen deine Kräfte. Liebe macht das Unmögliche möglich. Alles Glück hängt zusammen mit Lieben und Geliebtwerden.“ Lieben und Geliebtwerden: Das ist für Phil Bosmans die Wurzel des Glücks. Deshalb ist es für ihn eigentlich unmöglich, glücklich zu sein, solange andere Menschen unglücklich sind. Das Grundgebet der Buddhisten – vergleichbar etwa unserem Vaterunser – beginnt mit den Worten „Mögen alle Wesen glücklich sein.“ Pater Bosmans sagt das so: „Das Glück, das dir fehlt, ist das Glück der anderen. Es besteht eine Wechselwirkung. Je mehr ich für andere tue und mich selbst einsetze, desto freier und glücklicher fühle ich mich.“ Und das gilt auch umgekehrt. Phil Bosmans kennt eine Art Pflicht, für das eigene Glück zu sorgen: „Mein tiefster Wunsch ist, Menschen glücklich zu machen. Aber ich weiß und habe es oft genug erlebt: Wenn ich selbst entmutigt und enttäuscht dasitze, kann ich keinem Menschen mehr helfen. So will ich glücklich sein, um andere glücklich zu machen.“ Lasst uns glücklich sein, um andere glücklich zu machen.

(C) Ulrich Sander, Freiburg im Breisgau

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